Sonntag, 10. April 2011

Wohlstandsgefährdung

„Eine vorschnelle Energiewende könnte den Wohlstand in Deutschland gefährden.“

Also sprach BDI-Präsident Keitel zwei Wochen nach Fukushima.

Erstmal hat mich das gründlich auf die Palme gebracht. Unser Wohlstand wäre gefährdet? Na, dann gefährden wir doch lieber Sicherheit und Gesundheit! Für einen Atomunfall bedarf es keines in der Tat in der Gegend um Biblis sehr unwahrscheinlichen Tsunamis, da gibt es andere mögliche Ursachen – Terrorangriffe, schlampige Kontrollen oder Sparen am falschen Platz. Wahrscheinlichkeit minimal? Konsequenz katastrophal!

Während ich meine Palme langsam wieder runter rutschte, schlichen sich allerdings andere Gedanken ein. Zwar bin ich der Ansicht, dass der deutsche Wohlstand generell eine Menge Gefährdung vertragen würde – der Keitel-Spruch ist profilaktisches Jammern auf hohem Niveau. Aber kann unsere Umwelt eine fortgesetzte und durch den Ausstieg aus der Atomenergie erhöhte CO2-Gefährdung vertragen? Das ist eine viel wichtigere und viel schwierigere Frage.

Selbst gestandene Umwelt-Aktivisten wie James Lovelock, Stewart Brand und Tim Flannery sagen, Nuklearenergie sei (jedenfalls vorläufig) unabdingbar, wenn wir das Aufheizen unseres Planeten irgendwie noch stoppen wollen. Der Energiehunger der Welt ist nun mal, was er ist – vor allem ist er eines: ständig wachsend – und ein sofortiges Abschalten aller AKWs wird nur zur Folge haben, dass noch mehr neue Kohlekraftwerke gebaut werden.

Ich fürchte, das stimmt. Zwar ist es theoretisch und technisch möglich, ohne zusätzliche Kohleverbrennung die Energiewende zu schaffen. Aber praktisch wird das kaum passieren, und schon gar nicht weltweit. Noch nicht mal europaweit.

Das heißt nicht, dass ich für Atomenergie bin, absolut nicht. Ich habe Angst vor dem Zeug; ich verlasse mich nicht darauf, dass die Produktion von Atomenergie und die Lagerung des Mülls in Salzstöcken oder in acht Kilometern Tiefe „sicher“ sind. Aber ebensowenig glaube ich, dass eine wirkliche grüne Wende stattfinden wird – oder dass sie rechtzeitig und weitreichend genug stattfinden wird.

Nun stehe ich unter meiner Palme und weiß nicht weiter. Ich weiß nur, dass mich der Spruch von der Wohlstandsgefährdung immer noch tierisch aufregt.

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